Kunstwerk, Wahrzeichen und Wegweiser

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Zu den markantesten Objekten auf dem Campus der Universität Bayreuth zählt die „Sonnenscheibe". Sie ist ein ästhetisches Kunstwerk und dient Besuchern zur Orientierung. Schaut man genauer hin, wird der besondere Bezug zu den Ingenieurwissenschaften deutlich, den der Künstler Florian Lechner bei diesem Werk im Sinn hatte.

Die 12-eckige Scheibe von knapp fünf Metern Durchmesser deutet die Philosophie der Fakultät an: das Zusammenspiel von Natur und Technik. Das Kunstwerk verbindet die Werkstoffe Edelstahl und Glas und ist auf einem Steg aus Beton installiert. Es harmoniert mit der technisch anmutenden Architektur der FAN-Gebäude. Das augenfällige Blau des Glases assoziiert man leicht mit den klassischen Elementen Wasser und Luft. Neben dieser Farbe gibt es noch eine subtilere Verbindung zur Natur: Die spiralförmige Anordnung der zahlreichen lochförmigen Öffnungen in der Scheibe hat ihre Vorlage in gewissen Einzellern, den Sonnentierchen. Diese sind kugelförmig, besitzen aber strahlenartige Röhrchen, die unter dem Mikroskop betrachtet eine besondere innere Struktur enthüllen. Ihr regelmäßiges punktförmiges Muster findet sich - millionenfach vergrößert - auf der Scheibe abgebildet.

Neben dieser Verbindung zu den Sonnentierchen begründet ein weiterer Bezug die Bezeichnung des Kunstwerks als Sonnenscheibe. Fallen Sonnenstrahlen durch die Öffnung in der Mitte der Scheibe, so bilden sie einen Lichtfleck am Boden. Wenn die Sonne mittags am Höchsten steht, fällt dieser auf den Betonsteg, der in der Nord-Süd-Achse ausgerichtet ist. Im Winter, wenn die Sonnenstrahlen flacher fallen, ist dieser Fleck somit weiter von der Scheibe entfernt als im Sommer. Sein genauer Abstand ergibt sich aus der geografischen Breite von 49° 56' Nord. Auch die geografische Länge von 11° 35' Ost spielt eine Rolle. Da unsere Mitteleuropäische Zeit (MEZ) auf 15° östlicher Länge bezogen ist, steht nämlich die Sonne in Bayreuth erst knapp 14 Minuten nach 12 Uhr im Süden. Dies ist jedoch nur ein Mittelwert: Für einige Zeit im Jahr geht die Sonne scheinbar ein paar Minuten vor, zu anderen Zeiten etwas nach. Dies liegt sowohl an der Lage wie auch der Form der Erdbahn um die Sonne. Verbindet man über das Jahr die Lichtflecken zur selben Mittagszeit, ergibt sich eine Analemma genannte Schleife, die als Metallband im Betonfundament markiert ist. Somit ist die Sonnenscheibe ein - wenn auch grobes - Zeitmessinstrument mit Kalender.

Aber auch wenn man diese Hintergründe nicht kennt, reizt der Anblick der Scheibe immer und besonders an einem sonnigen Tag. Auf der einen Seite spiegelt sich die Umgebung in den blauen Glaselementen; von der anderen Seite betrachtet, fällt das Sonnenlicht blau gefärbt durch die Perforationen des Edelstahls.

Verfasst von: Prof. Dr.-Ing. Dieter Brüggemann